Ich kündige meinen Zeitsparvertrag

Ich kündige meinen Zeitvertrag

Sehr geehrte graue Herren,

oder soll ich Sie doch lieber Zeitdiebe nennen? Ich find das trifft es besser. Hiermit möchte ich offiziell meinen Zeitsparvertrag bei der Zeitsparbank kündigen. Ich habe es nämlich satt immer nur zu hetzen und mich zu eilen um dann am End doch nichts geschafft zu haben. Zahlen sie mir bitte mein bisher gespartes Guthaben in homöopathischen Dosen aus. Das muss ja inzwischen ein beträchtliches Zeitvermögen sein, wenn ich mal so zurückschaue seit wann diese Gefühl „ ich habe viel zu wenig Zeit“ teil meines Lebens ist.

Mit freundlichen Grüße,
Anne-Katrin Birkenhake

Wer denkt, die hat jetzt wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank, der sollte sich unbedingt mal mit Michael Endes Meisterstück Momo und der bezaubernden Geschichte um Kassiopeia, Gigi Fremdenführer, Beppo Straßenkehrer und nicht zu letzt Momo, beschäftigen.

Ich kenne die Erzählung schon aus Kindertage, aber scheine sie doch ganz vergessen zu haben. Neulich habe ich durch Zufall wieder dran gedacht und habe mir aus Neugier das Hörbuch bestellt. „Wie war das denn noch gleich mit Meister Hora und den Stundenblumen?“ Ich habe mich seit langem mal wieder hingesetzt und mir diese Geschichte von Anfang bis Ende angehört. Und am Ende wurde mir einiges klarer. Kennt ihr das auch, ihr hetzt und eilt euch, weil ihr noch so viel erledigen wollt und werdet immer hektischer, damit ihr am Ende vielleicht doch noch etwas Zeit für euch übrig habt? Aber es bleibt nie etwas übrig.

Von da an habe ich mal versucht die Dinge ganz langsam und ordentlich und mit „Muße“ zu tun. So wie Beppo Straßenkehrer. Atemzug, Schritt und Besenstrich. Und siehe da, nach all dem was ich mir vorgenommen habe hatte ich am Ende noch soviel Zeit, das ich diesen ziemlich langen Artikel schreiben konnte. Verrückt! Das ist wie in der Niemals-Gasse, in der man rückwärts gehen muss um Vorwärts zu kommen. Das probiere ich mal als nächstes.

Aber mal Spaß bei Seite. Michael Ende mahlt uns in seinem Werk eine Welt aus, die der Heutigen erschreckend ähnelt. Keiner hat mehr Zeit für irgendwas und schon gar nicht für den anderen und alle stöhnen nur sie hätten zu wenig Zeit. Dabei ist doch gerade Zeit der Faktor, der in unserer Welt am gerechtesten Verteilt ist. Jeder Mensch hat 24Stunden am Tag.

Michael Ende hat Momo bereits 1973 veröffentlicht. Eine Zeit in der es mich noch gar nicht gab. Also habe ich mich mal mit ein paar Leuten aus dieser Zeit unterhalten. Klar, früher war eh immer als besser. Aber wenn man mal ein bisschen zuhört (ganz nach Momoart), dann kann man doch sehr deutlich raus hören, das der (Zeit)Druck früher nicht so groß war. Vor allem im Beruf, aber auch schon im privaten Bereich, legte man doch mehr Wert auf Qualität anstelle auf Quantität. Heute muss immer alles sofort sein. Immer mehr, immer schneller. Und am End bleibt wieder nicht hängen.
Und ich glaube auch das das Phänomen „Burn out“ Anfang der 70ger noch nicht so weit verbreitet war wie heute.
Ich finde es zum einen bemerkenswert und auch ein bisschen erschreckend das Michael Ende diese Zeit vorausgesehen hat und ihm niemand zuhörte. Ja sicher, eine putzige Geschichte die alle gern gelesen haben. Aber geholfen hat es anscheinend doch nichts. Es ist genau so gekommen wie er es prophezeit hat. Die Frage nach dem Warum kann ich leider auch nicht beantworte. Und Herrn Ende kann ich leider nicht mehr Fragen. Muss ich vielleicht aber auch gar nicht. Ich muss nur für mich einen Weg finden damit umzugehen. Und da sieht meine Strategie ganz einfach aus. Ich kündige meinen Zeitsparvertrag. Ich Spare keine Zeit mehr, sonder gebe jede Stundenblume aus, sobald sie mir von Meister Hora zugeteilt wird. Und ich werde jede einzelne genießen.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. hi Kati.
    Wohl war! Der Wert der „Zeit“ wird „in der heutigen Zeit“ total verkannt. (vielleicht stecken ja auch ein paar von den grauen Herren dahinter). Wer hat Schuld? Wo ist die Ursache? Ich könnte mit dem Finger auf das System zeigen, … auf die Gesellschaft. Und dann feststellen, dass wir alle die Gesellschaft sind!
    Zu leicht läßt man sich vom Hamsterrad blenden, einnehmen.
    Hab‘ in letzter Zeit angefanen, so Sinnsprüche und Zitate, … die man ja in Massen im Internet findet, zu sammeln. Und – wenn man Zeit hat – und sie in einer ruhigen Minute mal so durchschaut, findet man auch wirkliche Perlen darunter!
    zB. einen von Oscar Wilde, … ich versuch‘ jetzt mal eine freie Übersetzung: Heutzutage kennen die Menschen von jedem Ding den Preis, aber nichts hat einen Wert für sie! Naja – so in etwa!
    So – wie finde ich jetzt den Bogen von „Wert“ zur „Zeit“?! 😉
    Ich denke, je älter man wird, desto mehr „begreift“ man, – der Geist, und wohl oder übel auch der Körper — dass alles endlich ist, auf dieser Welt. Dass unsere Zeit, in diesem Leben, mal eine Ende hat. Und – man schätzt nur Wert, … was selber für einen wichtig ist, was man selber „begriffen“, selber „erfahren“ hat. Da sind manchmal ein paar Jahrzehnte recht hilfreich! Oder – der „Zahn der Zeit“, der da an unseren Körper nagt!
    Aber – ich schweife ab (… dachte eben gerade auch an Frau Mahlzahn, … und was die zum Thema Zeit wohl sagen würde?)! Worauf ich hinaus will: Dass, in meinen Augen, der Faktor „Zeit“ wichtiger ist, wie der Faktor „Geld“. Wenn du jemanden „deine Zeit“ gibst, … dann ist das ein Teil von deinem Leben. Deiner Zeit! – Die so, nichtmehr kommt, vorbei ist.
    Das Leben besteht aus lauter kleinen Momenten, die wir all zu oft übersehen, … keine Zeit haben.
    Da gibt es diese schöne Gedicht, dem Dichter Jorge Lous Borges zugeschrieben:
    (es drückt sehr gut aus, was ich mit meinen Zeilen sagen will …)

    „Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte,
    im Nächsten Leben würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen.

    Ich würde nicht so perfekt sein wollen,
    ich würde mich mehr Entspannen.

    Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin,
    ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.

    Ich würde nicht so gesund leben.
    Ich würde mehr riskieren,
    würde mehr reisen,
    Sonnenuntergänge betrachten,
    mehr Bergsteigen,
    mehr in Flüssen schwimmen.

    Ich war einer dieser klugen Menschen,
    die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten;
    freilich hatte ich auch Momente der Freude,
    aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
    würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.

    Falls du es noch nicht weißt,
    aus diesen besteht nämlich das Leben;
    nur aus Augenblicken;
    vergiss nicht den jetzigen.

    Wenn ich noch einmal leben könnte,
    würde ich von Frühlingsbeginn an
    bis in den Spätherbst hinein barfuß gehen.
    Und ich würde mehr mit Kindern spielen,
    wenn ich das Leben noch vor mir hätte.

    Aber sehen Sie … ich bin 85 Jahre alt
    Und weiß, dass ich bald sterben werde.“
    —-
    Vielleicht finden manche die Zeilen ein bisschen traurig?
    Für mich sind sie eher optimistisch.
    Genieße die Zeit!
    Have a good time.
    Carpe diem.

    so long, bis bald mal
    LG
    Franz

    Antworten

    • Franzel,… du bist der Wahnsinn!
      Vielen Dank für deinen tollen Kommentar, und die schönen Zeilen von Jorge Lous Borges. Lustiger weise habe ich selbige erst gestern an einer Bürotür hängen gesehen ;-).
      Besonders schön fand ich deinen Satz: „Wenn du jemanden „deine Zeit“ gibst, … dann ist das ein Teil von deinem Leben.“ Das war mir so nie bewusst, aber eigentlich liegt es ja auf der Hand.
      Ich habe mich gestern Abend schon gefragt, seit wann wir so einer Meinung sind. Tja, die Zeit ändert halt so einiges.

      LG, Katrin

      P.S.: Würde mich freuen hier öfter mal so schöne Zeilen von dir zu lesen. Sie sind eine richtige Bereicherung, nicht nur für die Gute Stube.

      Antworten

  2. …ich habe das gleich erkannt, liebe Katrin,
    dass es um Momo geht…hast du sehr schön geschrieben und das Foto gefällt mir auch gut…man kann direkt sehen, wie die Zeit verrinnt,

    lieber Gruß
    Birgitt

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